Der Fall EHEC - Die Entstehung des Erreger-Stammes E.Coli O157-H7
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- Veröffentlicht am Freitag, 03. Juni 2011 10:33
- Geschrieben von Stan-Oliver Schoch
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Zeit der Aufklärung - Sächsischer BUND veröffentlicht Informationen und spricht Klartext
Wie bereits gestern in einem Artikel auf themen-der-zeit.de erklärt wurde, setzte der sächsische BUND-Vorsitzende, Hans-Udo Weiland auf der Homepage seiner Organisation ein erstes Zeichen aus welcher Quelle der bereits bekannte EHEC-Erreger stammen könnte. Weiland betonte das der Mechanismus der Infektion erkennbar sei und stellte den Zusammenhang zur industriellen Massentierhaltung und deren Kot-Produktion her, der mit der Ausbringung der Gülle auf den Äckern als Düngemittel, das EHEC-Bakterium in den Nahrungskreislauf einbringe.
Anders das Robert-Koch-Institut (RKI), was im Einklang mit der Verbraucherschutzministerin Ilse Aigner, auf der Suche nach der Herkunft des Bakterium weiter fest an der Gemüse-Theorie festhält. Zwar betonte man bereits das die gefährlichen E.coli-Bakterien von Tieren stammen könnten, um welche Tiere es sich dabei nun speziell handelt wird weiterhin verschwiegen. Auch wie das enterohämorrhagische Escherichia coli -Bakterium (EHEC- O157:H7 bzw. O104:H4) überhaupt entstehen kann und unter welchen Bedingungen dieses möglich ist, wird kein Wort verloren. Ganz im Gegenteil, es wird weiter vor Salat, Tomaten & Co. gewarnt. Der Höhepunkt gipfelte in dem Moment wo der Bio-Anbauer in Verdacht gestellt wurde.
Ist es alles so kompliziert und undurchsichtig? Fehlen hier wirklich noch die grundlegenden Erfahrungen und Praxisbeispiele aus der Tierzucht? - Nein. Und man braucht auch nicht lange zu recherchieren um entsprechende Informationen zu erhalten.
Herkunft und Entstehung von EHEC- O157:H7 im Fall der Rinderzucht in den USA
Das Futter in den Mastanlagen besteht hauptsächlich aus Mais. Es wird an Hühner, Schweine, Rinder und sogar Fische verfüttert. Kühe sind jedoch Grasfresser und keine Maisfresser. Trotzdem bringt man sie dazu Mais zu fressen - erklärt Michael Pollan, Journalist und Autor von "Das Dilemma des Allesfressers", in der Dokumentation "Food, Inc." das Futterprinzip in Mastanlagen in den USA. Der Hintergrund liegt im billigen Mais, das den Fleischpreis extrem sinken lässt. Der Betreiber einer Mastanlage kauft es zum Bruchteil, als das was ihm der Anbaut kosten würde. Ohne den Tieren billiges Getreide zu füttern wäre ein solcher Fleischpreis nicht möglich.
Allen Trenkle (Ernährungswissenschaftler an der Universität Iowa) erklärt am Beispiel Rind: "Im Pansen (im ersten Abschnitt des Magens) befinden sich Millionen von Mikroorganismen - Bakterien. Diese Tiere (Rinder) sind eigentlich Grasfresser. Untersuchungen zu Folge bilden sich durch das Maisfutter E.Coli-Bakterien, die Säurebeständig sind. Das sind die schädlicheren Coli-Varianten."
Man füttert also den Rindern Mais und E.Coli-Bakterien bilden sich. Anschließend geschieht eine Mutation - der Erreger-Stamm E.Coli O157:H7 entsteht. Das Ergebnis der neuen Diät der Rinder und ihrer Haltung in Massenbetrieben. Die Tiere stehen Knöchelhoch im Mist, d.h. hat eine Kuh es haben die anderen Kühe es auch. Im Schlachthaus ist das Fell der Rinder mit Mist bedeckt. Dort werden 400 Rinder in der Stunde geschlachtet, man kann daher kaum verhindern das der Mist auch auf den geschlachteten Tierkörpern verbleibt. So gelangt der Dung ins Fleisch und damit ist der neue Erreger im Nahrungskreislauf.
Kein Einzelfall beweisen landesweite Rückrufaktionen von Rinderfleisch in den USA, als Beispiel in den Jahren 1998 (über 140 Tonnen Hackfleisch), 2001 (eine halbe Million Pfund Hackfleisch) und 2002 (19 Millionen Pfund Hackfleisch).
Durch das Düngen und und die Abwasser aus den Großmastanlagen gelangt der Erreger auch in andere Bereiche wie Gemüse, Obst etc.
Der Vergleich zur deutschen Rinderzucht-Wirtschaft
Die Frage stellt sich nun, welche Futterzusammensetzung werden in deutschen Mastanlagen den Rindern verabreicht? In der „Gruber Tabelle" (zur Fütterung der Fresser, Bullen, Ochsen, Mastfärsen, Mastkühe) auf der Webseite der Bayrischen Landesanstalt für Landwirtschaft kann man unter Punkt 4.11 in die Futterpläne für die intensive Bullenmast Einsicht nehmen. Der hohe Anteil der Maissilage bestätigt das Prinzip aus den USA.
Nimmt man jetzt noch zusätzlich die Übersichts-Karte der Standorte von Mastanlagen mit männliche Rinder > 1 Jahr je 100 ha Gesamtfläche aus dem Jahr 2003 (Statistischem Bundesamt) dazu, ist schnell eine Konzentration im Nordwesten Deutschlands und im südlichen Bayern zu erkennen.
Wie das Robert-Koch-Institut (RKI) meldet werden die meisten Erkrankungsfälle weiterhin im Norden Deutschlands, in Schleswig-Holstein, Hamburg, Nordrhein-Westfalen und Niedersachsen, verzeichnet. Die Verteilung der bekannten EHEC-Infektionen/Meldungen und die Häufigkeit der Übereinstimmung mit der Gewichtung der Standorte von Mastanlagen ist schwer von der Hand zu weisen.
Die Anfangs schon erwähnten Ausführungen des sächsische BUND bestätigen diesen Ansatz. Der BUND steht dabei nicht alleine da. Bereits am 31.05.2011 veröffentlichte Proplanta einen Artikel: „Kann EHEC auch aus Biogasanlagen kommen?". In diesem geht Proplanta ebenfalls auf die Herkunft „Wiederkäuer" ein und bestätigt weiterhin die Gülle-Dünger-Theorie durch den Ansatz der Biogasanlagen.
Informationsmanagement und die Frage nach dem Hintergrund
Bleibt die Frage warum diese Informationen nicht bereits von Beginn an einem breiten Publikum präsentiert, bzw. in den Massenmedien publiziert wurden? Bekanntermaßen schürt Unwissenheit Angst und dadurch auch unverhältnismäßige Reaktionen in der Bevölkerung. Einmal ganz abgesehen von der „spanischen Gurken-Story". Traut man uns das eigenständige Denken nicht mehr zu, oder stehen hier andere Interessen auf dem Spiel?
- Geht es um Genehmigungsverfahren von noch größeren Mastanlagen?
- Soll das Thema GVO-Mais (GenMais) als Futtermittel weiterhin verdeckt bleiben?
- Zeigt sich hiermit eine Praxisproblematik bei behördlicher Kontrolle von Mastanlagen?
- Steht diese Thematik im Zusammenhang mit den aktuellen Verhandlungen der USA mit der EU bzgl. neuer Rinderimporte?
Update vom 11.06.2011
Sprossengemüse bleibt trotz negativem Nachweis weiter unter Verdacht
Sieben Tage nach dem Erscheinen dieses Artikels der Versuch eines Updates. Einfacher gesagt als getan. Unmengen an Meldungen über den Erreger liefen über die Agentur-Ticker und man hatte Zwischenzeitlich den Verdacht das die Quelle des Übels gefunden sei.
Nachdem der Fachverband Biogas die Biogasanlagen-Theorie kurze Zeit später bereits als ausgeschlossen bekannt gegeben hatte, verlagerte sich der Fokus noch verstärkter auf den Gemüse-Sektor und deren Gülle-Dünger-Ansatz. Obwohl der absehbare wirtschaftliche Schaden von Bauern und anderen Produzenten durch pauschale Verdachtsmeldungen bereits durch die spanische "Gurken-Story" in die jüngste Geschichte eingegangen ist, schien den Instituten jeder Kollateralschaden auf der Jagt nach der dezentralen Erreger-Quelle als hinnehmbar.
Mit dem (neuen) Verdacht bei Sprossengemüse bestätigte sich nicht nur die immer gleiche Suchmethode nach dem Symptom im Heuhaufen, sondern auch das Informationsmanagement bei unbestätigten Verdachtsfällen. Trotz des negativem Ergebnis der Laboruntersuchung über die Proben des betroffenem Hofes, sagte Ministeriumssprecher Gert Hahne nach Veröffentlichung der Untersuchungsergebnisse: "Wir halten an dem Verdacht fest". Mit wir verweist er auf die immer umfangreicheren Experten-Gruppen die sich um das Robert-Koch-Institut versammeln.
Mobile Eingreiftruppe, Task Force und die Seuchen-Polizei
Und während Karl Lauterbach von der SPD bereits eine "mobile Eingreiftruppe" für "besonders gefährliche Keime" fordert, die die RKI-Spezialisten nicht nur mit allen Kompetenzen ausstattet, sondern auch mit dem Recht die Bundeswehr "Reservisten" heranzuziehen, geht der Chef der Deutschen Polizeigewerkschaft gleich einen Schritt weiter und fordert den Umbau des Robert-Koch-Institut zur zentralen Seuchen-Polizei in Deutschland.
Ob sich dadurch etwas verändern würde scheint fraglich, denn seit dem 3. Juni 2011 gibt es bereits eine 'Task Force', die vom Bundesamt für Verbraucherschutz und Lebensmittelsicherheit (BVL) mit grosser Verzögerung in Berlin eingerichtet wurde. Neben dem bekannten Ziel, das für den EHEC-Ausbruch verantwortliche Lebensmittel zu identifizieren und die weitere Ausbreitung des Erregers zu stoppen, wurde die Task Force gegründet um eine bessere koordinierte Zusammenarbeit aller beteiligten Behörden auch räumlich zu ermöglichen.
Europäische Kritik - Eine Datenbank voller Erkenntnisse aber ohne Erfolge
Ausbruchs-Cluster, Datenbanken, Patientenbefragungen, Analysen von Warenströme, Lieferwege und -ketten von Gemüse und Co., die Informationen und Erkenntnisse türmen sich zu einem neuen "Heuhaufen", doch keine EHEC-Quelle konnte als Nachweis für die Erkrankungswelle erbracht werden.
Unterdessen wird die Kritik am deutschen EHEC-Krisenmanagement im EU-Parlament immer lauter. Für die EU-Parlamentarier fehlt in Deutschland eine klare Kompetenzaufteilung zwischen Bund und Ländern. Es sei erschütternd, dass erst ein tödlicher Seuchenzug die Versäumnisse bei der EHEC-Bekämpfung ans Tageslicht bringe. Vor allem das deutsche Zuständigkeitswirrwarr sei schlechte Voraussetzung für die erfolgreiche Bekämpfung einer so gefährlichen Seuche. So, die Grünen-Europaabgeordnete Rebecca Harms.
Die WHO und das Zeitfenster für eine mögliche Aufklärung
Wie die Weltgesundheitsorganisation (WHO) mitteilte gibt es ausserhalb von Deutschland bereits mehr als 100 EHEC-Erkrankungen in zwölf europäischen Ländern. Im selben Zusammenhang warnen die WHO-Experten das innerhalb der nächsten sieben Tagen der Erreger endlich gefunden werden müsse, andernfalls würde der Ausbruch der tödlichen Seuche möglicherweise nie völlig aufgeklärt werden können.
Das sich das Zeitfenster für eine Aufklärung langsam zu schließen scheint, ist an dem Rückgang der Neuinfektionen schon zu erkennen. Trotz Experten, Instituten und Task Force scheint es über den Verdacht auf eine mögliche Erreger-Quelle hinaus keine Erfolge zu geben. D.h. im Umkehrschluss jedoch auch, das es bis heute keine reale Bekämpfung des Erregers gab, sieht man einmal von den Patientenbehandlungen in den KIiniken ab.
Reguliert sich der EHEC-Erreger auf natürlichem Weg? Oder gibt es noch eine verdeckte Erreger-Quelle die durch entsprechende Maßnahmen, von der Öffentlichkeit ausgeschlossen, bekämpft wird?
Die Brücke Antibiotika holt die Massentierhaltung aus dem Schatten zurück ins Licht der Erkenntnis
Im Zusammenspiel mit der Resistenz des EHEC-Erregers gegen Antibiotika, verwies der EU-Parlamentarier Peter Liese (CDU) auf den Einsatz von Antibiotika in der Massentierhaltung. Ungewollt stößt Liese damit ein Thema an, was bereits in den oben genannten US-Studien als Quelle für den EHEC-Erreger-Stamm nachgewiesen wurde.
Ist diese Theorie für den Expertenkreis um das RKI und der angeschlossenen Task Force zu abwegig, zu weit entfernt von ihrer Logik das man keinen Grund sieht diesen Weg überhaupt nachzugehen? Gibt es keinen Experten der seine Forschung auf grundlegende Erkenntnisse aus solchen Studien aufbaut?
Durchaus. - Zum Beispiel den deutschen "EHEC-Papst", Prof. Dr. Helge Karch.
Ursprung: Fütterungsmethoden in der Massentierhaltung - Erkenntnisse liegen vor und bestätigen US-Studien
Prof. Karch ist Direktor des Instituts für Hygiene an der Universität Münster in Westfalen. Sein Forscherteam konnte das Erbgut des EHEC-Serotyps "0104:H4" entziffern und dabei zahlreiche Gene feststellen, die zu Resistenz gegen Antibiotika führen.
Bereits früher sind gefährliche EHEC-Stämme auch im Menschen nachgewiesen worden, deren Ursprung sieht der Experte in den Fütterungsmethoden bei der Massentierhaltung. Hierbei würden vor allem die Getreide-Kraftfutter-Mischungen die Verbreitung aggressiver EHEC-Varianten begünstigen. So erklärt Prof. Karch weiter: "Sie werden im Magen der Tiere nur unvollständig abgebaut und gelangen unverdaut in den Darm. Dort beginnt die Nahrung zu gären, die enthaltenen EHEC-Erreger gewöhnen sich ans saure Milieu und werden dann auch gegen die menschliche Magensäure immun."
Damit bestätigt Prof. Karch die Erkenntnisse aus den Untersuchungen der Universität Iowa im Bezug zu den E.Coli-Bakterien. Darüber hinaus geht der Experte noch direkt auf die Rinderhaltung in Massenbetrieben ein. Der Darminhalt der Rinder, die mit Getreide-Kraftfutter ernährt werden, beinhalte zehnmal so viele EHEC-Zellen wie bei Tieren, die anhand von natürlichem Futter wie Heu oder Gras ernährt werden. Die Verbreitung der neuen Erregerstämme werden dabei durch die Fäkalien realisiert.
Prof. Josef Böhm von der Veterinärmedizinischen Universität Wien bestätigt den Sachverhalt: "Da ist sicher etwas dran". Prof. Böhm sieht dieses als Wirkung, hervorgebracht durch die Abkehr von der traditionellen Landwirtschaft. Im direkten Vergleich zwischen Österreich und Deutschland beschreibt er die Situation in Norddeutschland als problematisch: "Dort betreiben die Bauern Rindermast, meist mit billigem Kraftfutter aus Übersee, bei uns steht die Milchviehzucht im Vordergrund, da kommt mehr faserhaltiges Basisfutter zum Einsatz".
Damit verweist sowohl Prof. Karch als auch Prof. Böhm in ihren Erkenntnissen auf die Massentierhaltung von Rindern.
Untersuchung der norddeutschen Mastanlagen
Dieses sollte auch bei einfachsten, logischen Ansätzen für einen Verdacht ausreichen und eine genaue Untersuchung der norddeutschen Mastanlagen zur Folge haben. Um nicht nur die Quelle zu lokalisieren sondern ins besondere mögliche Übertragungswege, wie Abwasser, Verunreinigung in Schlachtanlagen, oder Übertragungen und Verbreitung von EHEC-Bakterien durch Vermischung von Fleisch in der Produktion, zu unterbinden.
Lesen Sie auch den Artikel "Ein Leserbrief zum Fall EHEC - Ein Kommentar" zum Thema EHEC.

