Essay: Kommerzielles Radio - gleich nach der Werbung

Nach all den, durch die Star-Makers, hoch-gepushten und herunter-gestolperten, Pop-Püppchen und Hochglanz-Rock-Girlies, die den ohnehin schon engen Oldie-Reigen im hiesigen Werbe-Radio durch ihre bezahlten Promo-Marketing-Sendeplätze das letzte Interesse an Musik, im Sinne des Erfinders, im Keim ersticken lassen, geht seit Jahren schon nichts mehr in den privaten Radiostationen – wie auch, sieht man sich das Vorbild Privatfernsehen an.

Im Auto ertappe ich mich fast schon täglich wie ich mit meiner rechten Hand, in schier unendlicher Hoffnung nach einem Fünkchen guter Musik, den Senderwechsel der “be-Knopf-ten” 6 in Bruchteilen von Sekunden, klavierspielartig durchführe. Werbung, Nachrichten, Werbung, Staumeldung, Werbung… während der Moderator versucht mit seinem “coolen” Gequarke seine eigene Anmoderation interessanter zu gestalten als die Werbekette vor ihm, bin ich froh das wenigstens seine Morgengespielin das Studio bereits verlassen durfte um neue Drogen für die nächste Crazy-Morning-Show-Trip zu organisieren. Als er aber versucht witzig zu sein säge ich ihn von meinem Sendeplatz und wechsle zum 4. Knopf.

Musik, ich habe Musik gefunden. Kindlich erfreut staune ich den ersten Tönen entgegen. Das ich das nochmal vor dem Aussteigen erleben darf. Doch als die ersten Tonfragmente in meinem Gehirn die Melodie fröhlich vor sich hinbauen, ist sie auch schon da, die messerscharfe Enttäuschung. Das Haltbarkeitsdatum dieses Songs scheint schon vor Jahren abgelaufen zu sein. Sicher war es auch mal ein Hit, oder eher ein Gassenhauer bis das fünfzigste Cover einer Overnight-Popgruppen-Kreation auch diesen Klassiker in einer Leierkasten-Rolle beerdigte. Als ich die Worte “erinnert euch wo ihr es als erstes gehört habt” vernehme, beginne ich mit meinem Kopf im Takt gegen das Lenkrad zu schlagen. Etwas eingenebelt finde ich Kopf 5.

Eine gemütliche männliche Stimmte ertönt und ich höre andächtig zu während der Erzähler mit sehr gewählten Worten eine Raumszene beschreibt. Plötzlich und ohne Vorwarnung bricht er in einen hektischen und in voller Fahrt befindlichen Dialog zwischen einer Frau und einem Mann um. In voller Reaktionsbereitschaft findet sich mein rechter Fuss in Bruchteilen einer Sekunde auf dem Bremspedal wieder. Putzmunter wie nach einem Sekundenschlaft stehen mir noch meine letzten Gedanken, warum man Bücher vorliest, ins Gesicht geschrieben, während meine beiden Hände jetzt das Lenkrad auf 10 und 2 Uhr wie ein Schraubstock fixieren.

Ich lasse etwas locker und stelle mir dabei einen langen Konvoi von Lastkraftwagen vor, der bereits stundenlang über die nächtliche Autobahn zieht und die Gesichter der Fahrer die mit letzter Kraft gegen das nächste gemütliche Erzählerwort kämpfen bis auch das zweite Auge zuklappt. Und dann, der entscheidende Wechsel zum hitzigen Dialog, ein zucken durch den Konvoi, Sattelschlepper im Balance-Ballett die plötzlich alle drei Spuren zur Rückkehr zur Rechten benötigen. Der nächste Senderwechsel bringt mich direkt in eine Sofortmeldung. Eisenteile auf der A9 in Höhe Dessau. Ich erinnere mich an den Konvoi und verstehe plötzlich die Zusammenhänge.

Auch der letzte Sender der für seine “24-Stunden-Musik-keine-Wiederholung” wirbt, scheint selbst nicht zu verstehen das ein Ausverkauf eines Musikbibliotheken-Fundus und das spätere unsortierte Ausschütten des Selbigen auf eine breite Hörermasse, kein Garant für gute Musikvielfalt ist. Sicher besser als der Rest der Sender-Truppe die scheinbar mit einer CD aus zukommen versucht. Doch zwischen Pest und Cholera zu unterscheiden bringt nicht die Heilung vom kommerziellen Denkvirus der scheinbar in den Führungsebenen dieser Sender einbetoniert bleibt.

Ich schalte zurück zum freien Radio CORAX und finde wieder den Beweis für den Unterschied zwischen kreativen, multi-kulti-frischen, nachhaltigen, freien Radio und dem immer gleichblubbernden Einheitsbrei des nur nach Gewinn ausgerichteten Kommerzielles Radios.

 

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