Waffenhandel - Waffenexporte aus Deutschland von 1950 bis 2010
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- Veröffentlicht am Dienstag, 19. Juli 2011 00:03
- Geschrieben von Stan-Oliver Schoch
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In Zeiten, in denen im Bundestag wieder um geplante Waffenlieferungen, in Länder mit kritischer Menschenrechtslage angeregte Diskussionen geführt werden, sollte man doch denken, daß zumindestens von Seiten der Opposition oder der "neutralen" Medien ein ausgiebiger Blick in die Vergangenheit der Branche gewagt wird. Doch weit gefehlt. Kein Kommentar, keine Daten, keine Berichte rund um das blühende Geschäft mit Waffen und Munition 'Made in Germany'.
Einmal rund um die Welt, der Globalisierung sei Dank. Die Exportnation Deutschland ist bereits drittgrößter Waffenlieferant, direkt hinter den USA (30 Prozent) und Russland (23 Prozent). Ja wir! Weltweit! Und gegen den immer wieder vermittelten Eindruck benötigt auch die deutsche Rüstungsindustrie entsprechenden Absatz und Marktanteile, um diese Position zu erreichen. In den aktuellen Debatten um deutsche Panzer für Saudi-Arabien oder Patrouillenboote für Angola scheint es so, als ob dieser Erfolg erst seit einigen Tage besteht, quasi über Nacht eine ganze Industrie aus dem Boden gestampft wurde, zeitgleich veröffentlicht durch Union, FDP und der Kanzlerin persönlich.
Doch auch hier gilt - was durch Agenda-Cutting in den "Massenmedien" nicht publiziert werden darf, erhält in den "alternativen" Medien seine eigene Form der Veröffentlichung. Und so besteht für jeden mit einem Internetzugang die Möglichkeit, sich umfassend über dieses in Deutschland wohl behütete Thema eingehend zu informieren. Schneller als es seine eigenen Meme erlauben, wird man dabei im Klartext über eine ganze Industrie und ihre Lobby aufgeklärt, durchweg präsentiert von namhaften Aktiengesellschaften und ihren Zulieferketten. Anhand gründlich recherchierter Artikel und aktueller Datensammlungen von Aktionsbündnissen, NGOs wie Amnesty International oder Instituten wie das SIPRI (Stockholm International Peace Research Institute) bekommt man einen tiefen Einblick in die Welt des deutschen Militärisch-Industriellen-Komplexes.
Um jedoch das realistische Ausmaß dieses Komplexes einschätzen zu können benötigt man zudem den historischen Werdegang. Auch hier bringt der Satz "Folge dem Geld" die beste Wirkung. Doch welche Umsätze generiert der deutsche Waffenhandel? Und welche Lieferungen unterstützen in welchem Zeitraum verschiedene Länder in ihren militärischen Interessen? An welchen Nationen verdienten die Waffenexporteure am meisten? In welchen Millionenbeträgen wechselten Waffen den Besitzer oder wurden deutsche Waffen tatsächlich in Länder verkauft, die durch Menschenrechtsverletzungen in AI-Jahresberichten bekannt wurden?
Um diese Aufklärung zu unterstützen, habe ich mir am 08. Juni 2011 die aktuellen Daten aus der 'SIPRI Arms Transfers Database' für sämtliche Waffenexporte von Deutschland im Zeitraum von 1950 bis 2010 besorgt und damit verschiedene Daten- und Grafik-Mashups generiert. Dabei lag mein Fokus auf zwei elementare Darstellungen. Zum einen den Verlauf von Umsätzen über den gesamten Zeitraum von 1950 bis 2010, nach Jahren zusammengefasst, sowie eine Visualisierung aller Empfänger-Länder mit dem Gesamtumfang ihrer Lieferungen absteigend sortiert.
Damit soll die Gewichtung der für den deutschen Waffenexport wichtigen Nationen aufgedeckt und zudem internationale Zusammenhänge zwischen Waffenlieferungen und bekannten Krisen, Kriegen, Auf-/Abrüstung-Verträgen und der Terrorbekämpfung verdeutlicht werden.
Waffenlieferungen nach Ländern
Schaut man sich diese Darstellung an, fallen sofort die ungleichen Verhältnisse in finanzieller Intensität über Ausgaben für deutsche Waffenlieferungen in den unterschiedlichen Nationen auf. Durch die großen Unterschiede die sich von einstelligen bis hin zu knapp fünfstelligen Millionenbeträgen entwickeln, kann man direkt auf den Umfang der Lieferungen schließen, was wiederum eine gute Zusammenarbeit (Kundenbeziehung) wiederspiegelt, Verbindlichkeiten inklusive.
Besonders auffällig wird es bei den beiden Favoriten, der Türkei (9,96 Milliarden USD) und dem zur Zeit unter finanzieller Krise stehenden Griechenland (7,36 Milliarden USD). Beide Nationen, die in verschiedenem Kontext immer wieder in die Schlagzeilen geraten, heben sich durch einen doppelt bzw. sogar dreifach höheren Kostenumfang hervor. Z.B. zum nachfolgenden Niederlande (3,61 Milliarden USD). Ob solch eine Kundenbeziehung auch politischen Druck nach sich zieht, darf jeder persönlich einschätzen.
Sieht man einmal davon ab, daß Deutschland scheinbar fast jede Nation auf diesem Globus bereits mit Waffen beliefert hat, fallen verschiedene Länder besonders ins Auge. Vor allem, weil sie durch bestimmte Gewalt-Aktivitäten das weltweite Interesse auf sich gezogen haben. So zum Beispiel auch das durch Apartheid in den 1940er bis zu den 1980er Jahren in Gewalt getränkte Südafrika. Der in diesem Zusammenhang immer wieder genannte deutsche Automobilhersteller scheint bei einem Gesamtbudget von 1,94 Milliarden USD Umsätze in mehrstelligen Millionenbeträgen kaum von der Hand weisen zu können.
Gleichzeitig setzt die Auswertung den Stellenwert des aktuellen Waffendeals mit Saudi-Arabien in ein ausdrucksstarkes Verhältnis zu anderen Lieferungen. Mit den von Experten geschätzten Gesamtwert des Panzergeschäfts von mindestens 1,7 Milliarden Euro (1.700 Millionen Euro) wechselt Saudi-Arabien zu den Top-Kunden. Die bereits in der Vergangenheit abgewickelten Lieferungen im Wert von 151 Millionen USD sehen dagegen schon fast blass aus.
Entwicklung deutscher Waffenexporte seit 1950
Daß die Bundesrepublik lt. SIPRI-Daten bereits seit 1951 wieder in zweistelligen Millionenbeträgen rüstungsrelevante Lieferungen vollzieht, ist sicher kein Geheimnis, doch mit Rückblick auf das erst sechs Jahre zurückliegende Ende des zweiten Weltkrieges schon mit starkem Beigeschmack. Seit 1963 scheint der Siegeszug der Rüstungsindustrie auch in Deutschland unaufhaltsam und gipfelt im Jahr 1984 bei fast 3 Milliarden USD Jahresumsatz auf Spitzenposition.
Besonders interessant wird es dann in zwei aufeinander folgenden späteren Zeiträumen. Der Erste beginnt nach 1994 und zieht sich bis in das Jahr 2001 hinein. Man braucht keine umfangreiche statistische Berechnung durchzuführen, um einen fortlaufenden Einbruch der jährlichen Umsätze abzulesen.
Ein bekanntes Ereignis Ende 2001 markiert die Wende in der "Umsatzkrise" und den Stopp des Absatzrückganges im deutschen Rüstungsexport. Auf Grund der bekannten Kriege die auf den '11.September' folgten und auf denselben zurückzuführen sind, kann man ohne weiteres von einem wirtschaftlichen "Glücksfall" auch für den deutschen Industriezweig sprechen.
Quelle Bildmaterial: Leopard 2A5 by Sicherheitsoffizier ALÜ (Lizenziert als gemeinfrei)

